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Saisonale Abschaltung von heißem Wasser als soziales Phänomen und Teil des kulturellen Codes

In Russland haben vorbeugende Warmwasserabschaltungen begonnen - ein Massenphänomen und eine "kleine traditionelle Herausforderung". Wir erklären den Ursprung der ältesten Tradition und wie man in Russland damit umgeht.


Saisonale Wasserabschaltungen werden nur bei einer zentralen Warmwasserversorgung vorgenommen, bei der Warm- und Kaltwasser über verschiedene Leitungen in Wohnungen und Häuser geleitet werden. Solche Systeme gibt es in Ost- und Nordeuropa, der GUS und Kanada. Im Rest der Welt wird das Wasser meist durch kalte Leitungen in die Häuser geleitet und dann durch Wärmepumpen in den Kellern oder Boilern in Wohnungen erwärmt.


In Moldawien wird ein bis zwei Monate lang kein Warmwasser geliefert. In Lettland und der Tschechischen Republik kann die Abschaltung von einigen Stunden bis zu einer Woche dauern, in Estland von einem bis zu zwei Tagen. In Finnland wird nur bei Notreparaturen kein warmes Wasser geliefert.



Die ritualisierte Abschaltung geht auf die Sowjetzeit zurück, als das Zentralheizungssystem überall im Lande eingeführt wurde. Die Warmwasserversorgung wurde direkt an das Heizungssystem gekoppelt. Aus diesem Grund erfolgt die Abschaltung im Sommer, wenn es warm genug ist, um ohne Heizung in der Wohnung zu bleiben.


In der UdSSR dauerten die ersten Warmwassersperren in den 1960er Jahren von Mai bis August. Später wurde der Zeitraum auf drei Wochen verkürzt. Heute beträgt die maximale Dauer der Warmwasserabschaltung nach russischem Recht 14 Tage. In Moskau liegt sie seit 2010 bei zehn Tagen. Für viele ist es nach wie vor ein berüchtigtes Schreckgespenst.


Während geplanter Abschaltungen wird das Heißwasserversorgungssystem (HWS) einer vorbeugenden Wartung unterzogen, bei der Kommunikations- und Pumpenanlagen ausgetauscht und repariert werden.


Warum sollen die Rohre jedes Jahr ausgetauscht werden?


Damit die Verbraucher warmes und nicht nur lauwarmes Wasser erhalten, muss es unter Berücksichtigung möglicher Wärmeverluste in das Netz eingespeist werden - unter hohem Druck und mit höherer Temperatur. Besonders akut ist dieses Problem im Winter, wenn das Thermometer um Dutzende von Grad ins Minus geht. Denn bevor das Wasser bei den Verbrauchern ankommt, muss es viele Kilometer vom Heizkraftwerk bis zu Wohnung zurücklegen. Durch die hohen Temperaturen und die Druckschwankungen werden die Leitungen und die Pumpenanlagen schnell unbrauchbar. Das Metall korrodiert, was zu Undichtigkeiten führt. Das Warmwassersystem muss daher jährlich gewartet werden.


Etwa 30 % der Bürger halten die Zeit, in der das Warmwasser abgestellt wird, für die schlimmste Zeit des Jahres. Jeder Fünfte erfährt davon erst am ersten Tag, wenn er seinen Warmwasserhahn öffnet. Die meisten Russen sind durch Zetteln im Eingangsbereich vorbereitet.


Viele kaufen Warmwasserboiler, um das ganze Jahr heißes Wasser zu haben, treffen Vereinbarungen mit Freunden, planen Urlaube für die Zeit der Abschaltung oder verbringen Zeit gemütlich auf der Datscha.


Die Modernisierung in Russland hat einen neuen Höhepunkt erreicht: „Jetzt können Sie den Zeitplan für die Warmwasserabschaltungen in Ihrer Wohnung online abrufen“, scherzen die Moskauer. In der Zwischenzeit sind sie noch damit beschäftigt, Töpfe auf den Herd zu stellen, um Wasser zu erhitzen. Es spielt keine Rolle, ob man in der entlegensten Ecke von Chanty-Mansijsk oder im Herzen der glitzernden Metropole Moskau lebt: Das ist die normale russische Realität des XXI-Jahrhunderts. Das überrascht nur Westler.


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